Die Entdeckung der Verbundenheit

Zum Jahrestreffen des Krishnamurti-Forums in Weilburg

09. 05. 2004 abends - Es ist in mir so sehr viel geschehen auf dem Jahrestreffen des Krishnamurti-Forums in Weilburg in den vergangenen vier Tagen. Ich hatte ein solches Bedürfnis, darüber zu schreiben. Aber erst einmal hatte ich wieder diese lästigen Schmerzen im Auge. Seit ich mir vor Weihnachten mit einem Knochen vom Gänsebraten eine Hornhautverletzung im rechten Auge zugezogen habe - komisch, aber unangenehmerweise wahr - habe ich des Öfteren am Morgen ein schmerzhaftes Reiben im Auge. Manchmal, so wie heute, bleibt es den ganzen Tag bestehen und verhindert, dass ich mich auf etwas konzentrieren kann. Also bin ich früh ins Bett gegangen und nach zwanzig Minuten schmerzfrei aufgewacht, so dass ich jetzt endlich mit klarem Blick schreiben kann, was mit mir geschehen ist.

Vor einigen Monaten hatte ich den Organisatoren mitgeteilt, dass ich, angeregt durch Krishnamurti mit der schärferen Sicht auf das Denken einige interessante Beobachtungen in der Bewältigung psychischer Probleme gemacht habe, die ich auf dem nächsten Jahrestreffen einbringen könnte. Und schon· wurde ich im Programm als
Moderator einer Gruppe vorgestellt. Ich war nur im vergangenen Jahr, also bisher erst einmal als Teilnehmer auf dem Treffen, nicht einmal Mitglied der Organisation. Aber die dort erlebte Offenheit und das Fehlen von jedem ideologischen Druck haben mich so sehr angesprochen, dass ich bereit war, diese Aufgabe zu übernehmen.

In den Begegnungen, die das Krishnamurti-Forum organisiert, haben die Teilnehmer die Möglichkeit, sich in den zentralen, existenziellen Fragen des eigenen Lebens mit anderen Suchenden, auszutauschen und gemeinsam eine größere Tiefe des Verstehens zu erreichen, als es vielleicht allein möglich ist. Ich hatte keine Angst, etwas falsch zu machen. Denn mir war klar, dass nicht der Moderator die Verantwortung für die Gruppenerfahrung trägt, sondern die gesamte Gruppe. Es geht dabei nicht um Therapie und therapeutischer Verantwortung, sondern wir wollen auf diesem Treffen mit den Hinweisen von Krishnamurti einen Austausch über unsere Erfahrungen und Beobachtungen in der Selbsterkenntnis machen. Und für die Selbsterkenntnis ist nun einmal jeder selbst verantwortlich. Der Moderator hat nur die Aufgabe, Anregungen zu geben, mit denen dann die Teilnehmer etwas anfangen oder auch nicht. Vielleicht hat er auch gar keine besondere Rolle. All das ist nicht festgelegt.

Oberflächlich gesehen fühlte ich so keine Verantwortung. Aber es war ein gewisser innerer Druck vorhanden, meine Erkenntnisse weitergeben zu wollen. Schon im telefonischen Vorgespräch mit Bernd ein paar Tage vorher hat er mich tief getroffen. Er hat mich aufmerksam gemacht, dass man den anderen nicht wirklich wahrnimmt, wenn man ihm etwas beibringen möchte, damit er schneller zu Selbsterkenntnis kommt. Ich hatte schwer zu schlucken an dem Bewusstwerden, dass ich den Gesprächspartner nur durch achtsames Zuhören in dem Prozess des Sich - Selbst - Erkennens unterstützen kann, aber nicht dadurch, dass ich ihn berede.

Es ging mir zwei Tage nicht gut, vor allem als ich merkte, dass es auch Auswirkungen auf meine therapeutische Arbeit hatte. Denn ich musste feststellen, dass ich auch dort zwei Patienten nicht gut getan habe, indem ich vorschnell meine Sicht ihrer Probleme dargelegt habe und nicht wirklich darauf geachtet habe, was für sie wichtig war.

Unmittelbar vor dem Treffen war ich jedoch wieder guten Mutes, weil ich mit größerer Klarheit die Bedeutung von wirklichem Zuhören erkannt hatte. Wenn wir bedingungslos dem anderen zuhören, ohne eigene Bewertungen, Interpretationen und ohne dabei an die eigenen Geschichten zu denken, entsteht eine hohe Intensität im gemeinsamen Erkenntnisprozess.

Schon in der Eröffnungsrunde der fast dreißigköpfigen Gesamtgruppe am Donnerstagabend war eine große Achtsamkeit vorhanden. Die persönliche Vorstellung des Einzelnen sollte sich auf die Frage der Motivation für dieses Treffen und für den persönlichen Bezug zu Krishnamurti beziehen. Die äußeren Personenmerkmale kamen nicht zur Sprache. Man musste nicht sprechen, die Vorstellung ging auch nicht der Reihe nach vonstatten. Sondern wer wollte, berichtete über sich und seine zentralen Fragen. Es ist danach eine kleine oder auch eine längere Pause entstanden, bis der nächste über das spricht, was ihm wichtig ist für die kommenden Tage.

Die meisten Teilnehmer haben sich geäußert, mit wenigen Worten oder auch langatmig. Und es war für alle Redner eine konzentrierte Aufmerksamkeit vorhanden. Wir konnten feststellen, dass die sehr unterischiedlichen Facetten, die vorgetragen wurden, im, Grunde genommen alle wesentlichen Bereiche des Lebens berührten. Das Thema des  Treffens „Gemeinsam Lernen“ hatte in uns Platz genommen und erhielt durch das Video mit Krishnamurti eine weitere Vertiefung.

Den ersten Tag in meiner Gesprächsgruppe habe ich als außerordentlich intensiv erlebt, weil durch das Zuhören des jeweils Sprechenden eine weitgehend angstfreie Atmosphäre entstand, die ein ernsthaftes Betrachten des eigenen Egos, der eigenen Denkerei, des häufigen Mangels an Verständnis für den anderen möglich wurde.

Dort habe ich zum ersten Mal unmittelbar erlebt, dass die Beiträge auch der Menschen, deren Art zu reden so oft nervt, außerordentlich fruchtbar sind, wenn man ihnen wirklich zuhört. Theoretisch war mir das schon klar, aber wenn man sich trotzdem über das Reden anderer ärgert, hat man noch gar nichts kapiert. Die Vielredner, denen die Gruppe aufmerksam zuhört, kamen immer deutlicher und schneller zur Sache. Auch den Verschlossenen, die nur in Andeutungen reden, wurde aufmerksam zugehört. Dass sie mich nervten, weil ich meinte, dass sie sich bedeckt halten oder vorbei reden, zeigte nur, dass ich meine Bewertung über das, was offen- oder wichtig sei, hineinbringe. In Wirklichkeit nervt mich mein Urteil, weil ich den anderen nicht so annehme, wie er ist - und die Schuld suche ich dann bei ihm.

Diesen ganzen Mechanismus konnte ich bei mir beobachten und weitgehend loslassen. In dieser Gruppe fingen die Zurückhaltenden an, immer offener zu sprechen, als sie die volle Aufmerksamkeit ohne jegliche Ungeduld spürten. Und auch, wenn jemand sich gar nicht äußerte, spürte ich seine Beteiligung an dem Prozess. An diesem Tag habe ich erlebt, dass die Probleme, die ich mit bestimmten Menschen und mit ihren Eigenarten habe, meine eigenen Probleme sind. Ich konnte beobachten, wie die innere Spannung, die bei bestimmten Äußerungen anderer entsteht, das Ergebnis meines Denkens, Folge des Urteils meines Egos ist. In dem Moment, in dem ich mir meiner eigenen Denkerei, die die Achtsamkeit für den anderen zerstört, bewusst werde, geschieht die erneute Zuwendung zu ihm. Ich konnte den Sinn auch der lästigen, scheinbar völlig daneben liegenden Äußerungen erkennen und alle negativen Gefühle über schwierige Gruppenteilnehmer verwandelten sich in ein Entdecken bisher nicht bewusster Aspekte der gemeinsamen Erkenntnis und in ein sehr gutes Gefühl zu allen Mitgliedern der Gruppe.

All die existentiellen Themen vom Denken, Fühlen und Miteinander Umgehen, die berührt wurden, kann ich hier nicht aufführen. Es ging aber dabei für mich immer auch darum, wie ich die Beziehungen in der Gruppe gestalte, indem ich auf die vom Ego gestörte Aufmerksamkeit für den anderen Acht gebe. Gleichzeitig hatte ich das
klare Gefühl, dass alle anderen sich in gleicher Weise darum bemühten. In uns allen war das Thema gemeinsam Lernen verankert.

Aber das eigene Ego gibt nicht so leicht auf; es bemächtigt sich auch der positiven Erkenntnisse. Ich stand am zweiten Gruppentag unter dem Druck, dass diese Achtsamkeit auch von allen eingehalten werden sollte und es entstand die Gier nach noch mehr und noch tieferer Erkenntnis. Ich dachte, dass ich mich doch um den Prozess gut bemühen muss und merkte erst gar nicht, dass mein eigenes Denken als Überzeugung, wie der Erkenntnisprozess zu sein hat, sich ganz diskret verstärkte.

Ich habe rückwirkend den Eindruck, dass ich zeitweise in eine - schlechte - Therapeutenrolle schlüpfte und kopflastige Erklärungen abgab. Einige Teilnehmer sagten dann auch, dass sie mich nicht richtig verstehen. Diese Aussagen machten sie aber aus einer mir zugewandten Haltung heraus, die für mich eine neue Erfahrung mit sich brachte, nämlich dass ich es nicht ärgerlich oder schlimm fand, wie ich agiert habe. Sondern ich war in der Lage, mir mein Denken und Verhalten genauer anzusehen. Hilfreich war dabei, dass in einem Zweiergespräch in einer Pause mir ein Teilnehmer sagte, in bestimmten Situationen würde ich in eine leichte Predigerstimmung kommen, für die er aufgrund seiner Kirchenvorgeschichte sehr sensibel sei. So wurde mir in einer neuen Qualität bewusst, dass die besten Gedanken immer noch Gedanken des Egos sind. Das Ego schweigt nur, wenn ich mich dem anderen vollständig zuwende, oder natürlich auch der Natur, was aber hier nicht mein Problem ist.

In der letzten Nacht ergab sich zufällig unter vier der Moderatoren ein langes intensives Gespräch über das, was über unser Denken hinaus reicht, über diese andere Dimension, die der Verstand nicht zu erfassen vermag, über das Ursprüngliche, das Schöpferische, wie Krishnamurti es in einem der Videos versucht hat, zu erklären. Wir hatten deutliche Meinungsverschiedenheiten in der kleinen Gruppe, ob und wie man darüber sprechen sollte. Wir konnten es nicht klären, weil die anderen dann zu müde waren und weit nach Mitternacht ins Bett gehen wollten.

Ich war noch hellwach, und auf meinem Zimmer habe ich plötzlich die eigentliche Dimension, um die es in unserem Leben letztlich geht, gesehen und gefühlt. Es geht darum, in Verbindung zu allen Menschen, zu dem ganzen Leben zu stehen. Es geht darum, in der Liebe zu sein, nicht die Liebe, nach der wir uns sehnen aus der Angst vor dem Alleinsein. Das ist nicht Liebe, das ist Abhängigkeit.

Ich kann nur schwer über diese andere Liebe schreiben, die in mein Bewusstsein getreten ist. Es kommen mir die Worte von Paulus im Neuen Testament in den Sinn. Sein Erwachen, das er beschreibt bei seiner Entdeckung der Liebe, führte jedoch zu einem Predigen, zu einem Konzept von Liebe, die schon keine Liebe mehr ist, sondern eine Bemächtigung der Erfahrung von Liebe durch das denkende Ego, das diese Entdeckung verwerten will und schließlich eine Kirche aufbaut, die irgendwann anscheinend den Kontakt zu diesem Urgrund des Seins, der Liebe, verloren hat.

Das sind neue Gedanken, die mir jetzt beim Schreiben kommen. Ich möchte aber weiter berichten über das Erlebte. Mein tatsächlicher Kontakt zu dem, was unendlich da ist und das alles miteinander verbindet, mein Kontakt zur Liebe, wird in dem Moment möglich, wenn das Denken an mich, die Selbstisolation des Denkens aufhört, genauso, wie ich es in den intensiven Momenten des Zusammenseins in der Gruppe erlebt habe. Wenn ich vollständig auf den anderen Acht gebe, gibt es das Ich nicht mehr, nur noch das Verbundensein. Und es verschwindet in dem Moment, wo ich wieder irgendetwas vertrete und propagiere, und sei es auf noch so kluge Weise den Krishnamurti.

Es ist nicht dieser oder jener falsche oder richtige Gedanke, es ist jeder Gedanke, der sich mit mir selbst beschäftigt. Es werden gewiss neue Fragen, neue Themen, neue Probleme auftauchen. Ich spüre keine Angst, keinen Respekt mehr vor dem Ego, ich muss mich damit nicht mehr beschäftigen. Wenn es sich meldet, werde ich humorvoll mit ihm spielen, mir scheint das ist die einzig sinnvolle Art, ihm zu begegnen. Das wird mir gerade beim Schreiben klar.

Doch für dieses tiefere, unzweifelhafte Erkennen der Verbundenheit, der Liebe als den Urgrund und den Sinn meines Daseins und als Orientierung in den Begegnungen des Lebens, wie es in der vergangenen Nacht auf meinem Zimmer geschah, bin ich unendlich dankbar, den Teilnehmern des Jahrestreffens, Krishnamurti, der Tagungsstätte und dem Zimmer, in dem diese Klarheit entstand, und dem Wald, auf den ich schauen konnte.

Ich bin dankbar für diese Erfahrung, dass ich mich mit allem verbunden fühle, das nichts und niemanden ausschließt.

 

Anmerkung: Auch 12 Jahre später, 2016, ist diese Einsicht, die mein Leben verändert hat, vorhanden -anscheinend unzerstörbar - und öffnet den Zugang zu einer enormen Lebensenergie.

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