Das Nichtwissen - Der Schlüssel zur Auflösung von Stress

Um die Entstehung von ungesundem Stress nachzuvollziehen und ihn gar nicht erst aufkommen zu lassen, muss man den Unterschied begreifen zwischen den Anforderungen, die von außen an uns gestellt werden, und der eigenen Reaktion darauf. Dass von außen oft Druck auf die Beschäftigten am Arbeitsplatz ausgeübt wird - durch Vorgesetzte oder durch die Arbeitsanforderungen selbst -, daran wird sich so schnell nichts ändern. Im Gegenteil, der Druck scheint immer mehr zuzunehmen, wie eine Spirale ohne absehbares Ende. Viele Beschäftigte haben sich deshalb mit ihrem chronischen Stress abgefunden. Aber dann nehmen Unzufriedenheit und psychosomatische Erkrankungen für sie zu, während zugleich die Lebensqualität abnimmt.

Wer unter zunehmendem Druck in der Arbeitswelt steht und gesund bleiben will, muss diesem Druck von außen neue Antworten geben. Der Mechanismus der Verwandlung von Außendruck in Innendruck wurde so dargelegt, dass die Teilnehmer dies bei sich selbst beobachten konnten und dies auch getan haben. Diese Selbsterfahrung ist nach meinem Verständnis auch notwendig. Denn eine wirkliche Veränderung des eigenen Verhaltens erfolgt erst dann, wenn die eigenen inneren Prozesse besser verstanden werden, wenn wir uns also selbst besser verstehen. Dann sind wir nicht mehr in automatischen Gewohnheiten gefangen. Wenn wir merken, wie der Außendruck nach innen eindringt, wenn wir merken, wie es uns schlechter geht, führt dieses Bewusstwerden zu einem neuen, gesünderen Handeln.

„Die Stille des Geistes“ und „die Intelligenz des Nichtwissens“, mit denen ich die Teilnehmer vertraut gemacht habe, sind keine esoterischen Glaubenssätze, sondern bieten sehr hilfreiche Einsichten in die Funktionsweise unseres Gehirns. Vor allem aber verändern sie direkt unser aktuelles Denken, Verhalten und die Körperreaktionen. Ratschläge und Erklärungen, die nur den Intellekt ansprechen, führen nicht zur Veränderung unserer Verarbeitungsprozesse und unseres Verhalten. Erst die erlebte Erleichterung durch neue emotional entlastende Erfahrungen bringt uns auf einen neuen Weg.

In einem Seminar mit Arbeitsmedizinern auf dem Freiburger Symposium 2014 bot sich den Teilnehmern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung des Nichtwissens. Ich habe es auf dem Hintergrund meines psychotherapeutischen Verständnisses konzipiert und berichte im Folgenden über die Konzeption und den Ablauf des Seminars.

Im ersten Teil des Seminars habe ich den Teilnehmern diese Zusammenhänge erklärt und anschließend die Kernaussagen als PowerPointPräsentation zur stillen, unkommentierten Nachbetrachtung angeboten. Im Folgenden stelle ich diese Präsentationen mit Erläuterungen vor, soweit sie nicht selbsterklärend sind. Anschließend berichte ich  über den Selbsterfahrungsteil des Seminars.

 

Teil 1: Das Grundverständnis

1. Den Blickwinkel ändern:

Ohne Selbsterkenntnis gibt es keine einzige persönliche Veränderung.

Selbsterkenntnis erfordert Ablehnung jeglicher Autorität im Feld der eigenen Psyche.

Anmerkung: Wenn ich einfach übernehme, was andere über mich denken, ohne eigene Prüfung, erzeuge ich einen inneren Konflikt zwischen dieser Fremdmeinung über mich und dem eigenen Erfahrungswissen, das in jedem Gehirn vorhanden ist.

Eine Meinungsänderung ist oberflächlich und ändert nichts im Erleben. Das Beobachten der inneren Gedanken und Gefühle, führt zu einer tatsächlichen Änderung, wenn ich merke, welche ungesunden Prozesse in mir ablaufen.

Unser Gehirn ist hochkomplex, perfekt und fehlerfrei. Es arbeitet so, dass es uns jederzeit möglichst gut geht.

Anmerkung: Allerdings ist es auch konditioniert durch vergangene Erfahrungen, übernommene Ideologien und Meinungen anderer. Deshalb kann es schon  merkwürdigen und gefährlichen Reaktionen produzieren.

Unser Gehirn soll aber funktionieren, wie andere es wollen. Zu diesem Zweck wird es durch Belohnung und Bestrafung konditioniert.

Anmerkung: Wenn diese Konditionierungen durch Fremdbestimmung erkannt werden, verlieren sie ihre Wirksamkeit, und Selbstbewusstsein entsteht. Natürlich gibt es auch Konditionierungen, die hilfreich sind und uns durch die dadurch entstandenen automatisierten Abläufe das Leben erleichtern. Diese sind jedoch nicht psychisch belastend.

Große wie kleine psychische Störungen entstehen, wenn ich anders sein will, als ich bin. Das ergibt einen inneren Konflikt zwischen der Tatsache, wie ich bin und dem Wunsch, anders zu sein. Ich will anders sein, weil ich gelernt habe, dass ich nicht so sein darf, wie ich bin.

Wenn immer diese alten Erfahrungen sich in unser Leben einmischen, geht es uns schlecht, dann erzeugt das Gehirn Ängste und andere negative Gefühle, die uns unter Druck setzen.

Die negativen Gefühle schreien: Höre doch endlich auf, dir etwas vorzumachen, anders sein zu wollen, als du bist. Solange du das nicht kapierst, und nicht auf den Boden der Tatsachen kommst, werde ich, dein Nervensystem, dich nerven.

Wenn ich aufhöre, anders sein zu wollen, kann das Gehirn endlich in Ruhe seine Arbeit tun: Dafür sorgen, dass es mir gut geht und jeder Lebenssituation eine einzigartige optimale Antwort geben.

Anmerkung: Die entscheidende Botschaft ist also, dass wir das Nachdenken über psychische Belastungen als eine Sackgasse erkennen, die das Problem nur vergrößert. Hingegen ist das Beobachten der eigenen inneren Prozesse auf Grundlage dieses neuen Verständnisses der Schlüssel zur Auflösung von Stress und anderen psychischen Belastungen.

 

2. Stress und Burnout

Stress ist die Kluft zwischen Erwartungen und der Realität und der Versuch, die Realität den Erwartungen zu unterwerfen, auch dann, wenn man die Realität nicht verändern kann.

Der sinnlose innere Kampf bringt den Körper in einen Zustand dauernder Anspannung, die nicht gelöst werden kann. Das macht krank. Das Ansammeln ungelöster Kämpfe über längere Zeit macht das Gehirn irgendwann nicht mehr mit, weil es merkt, dass es sinnlos ist. Das ist Burnout: Nichts geht mehr.

 

3. Das Wissenwollen

Das Bedürfnis, etwas wissen wollen, entsteht, wenn ich etwas nicht weiß, ich dies aber wissen will. Dann muss ich auf Entdeckungsreise gehen.

Anmerkung: Dies gilt auch für den Fall, dass ich nicht weiß, was in mir mit meinen negativen Gefühlen los ist und ich deshalb im Grübeln, d.h. inneren Wälzen von alten Erfahrungen, gefangen bin.

Selbsterkenntnis als Entdeckung von neuen Einsichten geschieht nicht durch immer mehr Nachdenken = Grübeln, sondern durch Beobachten der inneren Prozesse.

 

Zwei fundamentale Dinge, die wir nicht wissen können, wollen wir aber gern wissen und erzeugen oft diesen inneren Konflikt. Darauf werden wir durch negative Gefühle sehr direkt hingewiesen:

 

  1. Wir wollen Sicherheit für die Zukunft haben.
    Um dies zu erreichen, bemühen wir uns auch in jeder mitmenschlichen Konfliktsituation, andere zu steuern, genauso wie andere es mit uns tun, damit möglichst "nichts Schlimmes" passiert.
  2. Wir wollen Sicherheit haben, dass die anderen Menschen gut zu uns sind. Wir wollen wissen, was sie denken, um sie selbst in unserem Interesse zu steuern. Unsere psychischen Konflikte mit dem Mitmenschen (nicht die sachlichen!) sind unsere eigenen inneren Konflikte.

 Anmerkung: Diese ersehnte Kontrolle über die Zukunft und über das Verhalten anderer Personent werden wir niemals bekommen. Solange wir dies nicht akzeptieren, wird es uns schlecht ergehen, weil wir mit dieser Realität immer wieder hadern. Wenn wir diese Zusammenhänge erkennen, suchen wir nicht mehr die Lösung von psychischen Belastungen im Sicherheitsdenken. Wir erkennen die Unsicherheit der Zukunft und des Verhaltens anderer Menschen als Tatsache an und bewältigen die konkreten Situationen durch Beobachtung.

 

Ich weiß, dass ich nichts weiß, ist die höchste Form der Intelligenz.

 

Anmerkung: Philosophen wie Sokrates oder Lao Tse haben diese Weisheit, mit der Tatsache des Nicht-Wissens ohne Widerstand zu leben, schon längst erkannt. Ich finde, es wird Zeit, dass diese Erkenntnis selbstverständlicher Teil unseres Alltags wird. Geben wir den hoffnungslosen Versuch auf, jederzeit für andere bereit zu sein, und/oder vollständige Kontrolle und Perfektionismus zu erreichen? Werden wir aufhören, uns dem Psychoterror, genannt Stress, zu unterwerfen?

 

Teil 2: Die praktische Erfahrung

Mit einem Teilnehmer, der sich bereitwillig zur Verfügung gestellt hat, wurden die Konsequenzen dieser veränderten Denkweise praktisch demonstriert.

Ich habe ihn gebeten, sich eine Stresssituation vorzustellen und so intensiv, wie möglich dieses unangenehme Gefühl zu spüren.

Dann habe ich ihn aufgefordert, "ins Nichtwissen zu gehen". Das bedeutet, dass er sich bewusst macht, dass diese Stresssituation (übrigens wie jede andere Stresssituation ebenfalls) eine Situation des Nichtwissens ist, entweder des Nichtwissens, was geschehen wird, oder des Nichtwissens, wie andere sich verhalten werden.

Ergänzend habe ich ihn dann ermutigt, zu fühlen, wie es ihm mit dem Bewusstwerden vom Nichtwissen ergeht. An diesem Punkt empfindet er (übrigens wie die meisten Menschen, mit denen ich so gearbeitet habe) erst einmal Widerstand in der Form, dass Einwände hochkommen, z.B. "dann fühle ich mich hilflos", "aber ich will das nicht akzeptieren", "die andere Person wird bestimmt so, wie immer reagieren, deshalb weiß ich doch, was passiert". Mit kurzen Hinweisen machte ich klar, dass diese Gedanken immer noch aus dem Wissenwollen kommen. Außerdem ist es notwendig, den Mechanismus zu verstehen, dass die anderen meist genau so wie bisher reagieren, weil auch ich in derselben Erwartungshaltung bin. Wie sich aber der Umgang miteinander, verändert, wenn eine Seite eine neue Haltung einnimmt, nämlich, ich weiß nicht, was gleich unter uns geschieht, das wissen wir in der Tat wirklich nicht. Es ist das Tor zu einem neuen Miteinander.

Indem alle durch Konditionierung erlernten Widerstände gegen das Nichtwissen hochkommen dürfen, ausgesprochen und betrachtet werden, lösen sie sich auf. Denn das Gehirn kann und wird sich nicht gegen Tatsachen, die es real in der Gegenwart sieht, auf Dauer wehren. Genau das geschah auch in der Demonstration:

Dann tritt der entscheidende Effekt auf, der das Bewusstsein verändert: Eine innere Ruhe, die, wie auch in diesem Fall, meistens mit einem Lächeln, manchmal sogar mit einem lauten Lachen, einhergeht. Dann sieht der Betreffende die Wahrheit des Nichtwissens und ist nicht in der Lage, sich wieder unter Druck zu setzen.

Der Test, „"Bitte gehen Sie jetzt wieder in die ursprüngliche Stresssituation zurück und fühlen Sie, wie sehr Sie genervt sind", bestätigt den Erfolg. Es funktioniert nicht mehr, in diesem Bewusstsein sich stressen zu lassen. Diese neue Erfahrung auf allen drei Ebenen - rational, emotional und körperlich gefühlt - verändert die Einstellung und wird nicht mehr vergessen. Wieweit sie den Alltag beeinflussen wird, ist - wie alles in der Zukunft - unbekannt. Denn es hängt davon ab, wie tief diese Erfahrung gewirkt hat und ob die Akteure in den konkreten Situationen ihre Stressreaktionsmuster ernsthaft  beobachten.

Nach der Demonstration des Fühlens des Nichtwissens mit einem Teilnehmer habe ich die gesamte Gruppe angeleitet in das Nichtwissen zu gehen, nachdem jeder für sich an eine Stresssituation gedacht hat. Dieses Vorgehen mit einer Gruppe von ca. 25 Personen war für mich ein Experiment. Etwa dreiviertel der Teilnehmer berichteten danach, dass sie diesen befreienden Punkt erlebt haben. Erstaunlich war für mich die neue Erfahrung, dass ich gar nicht die Widerstände der einzelnen besprechen musste, sondern dass dies jeder für sich selbst machen kann. Die Frage, warum es bei den Üübrigen nicht so gelaufen ist, bleibt offen.

Zur Vertiefung wurde anschließend der einundsiebzigste Spruch aus

"Die Bahn und der rechte Weg des Lao Tse" besprochen:

 

"Sein Nicht-Wissen wissen ist Hoheit

Sein Nicht-Wissen nicht wissen ist Krankheit.

 

Die Krankheit erfühlen heißt sie nicht mehr haben.

Der Vollendete ist frei dieser Krankheit.

Er fühlt sie, also hat er sie nicht."

"Der chinesischen Urschrift nachgedacht von Alexander Ular", Leipzig 1913

 

Weitere Hinweise dafür finden sich bei Sokrates: "Ich weiß, dass ich nicht weiß." Da ich weiß, dass ich nicht weiß, weiß ich mehr, als diejenigen, die glauben zu wissen.

(Wikipedia, 5.1.2015)

Oder bei  Jiddu Krishnamurti (1895 - 1985)  "Der stille Geist ist wie ein vollständig ruhiger See." Beide spiegeln die Realität vollständig wieder. Der stille Geist legt damit die Grundlage für ein optimales Handeln in der Realität.

Krishnamurti (5.1.2015)


Aus all dem ergibt sich meine Schlussfolgerung für das Handeln in Stressituationen:

Der gesunde Dreisatz

  1. Man kann immer nur eine Sache tun!
  2. Man muss immer das tun, was man selbst für richtig hält!
  3. Ins Nichtwissen gehen, wenn man merkt, dass man nicht weiß!

Dann ist Kontakt zu den Empfindungen da, die „sagen“, was am besten zu tun ist.

nach oben