Essstörungen

Essstörungen sind außerordentlich verbreitet. Ich sehe dies im Zusammenhang damit, dass das Essen lebensnotwendig und eine unserer häufigsten Tätigkeiten ist. Wenn in unserem Leben etwas in Unordnung gerät, wenn wir von Konflikten, schlechten Stimmungen, schlimmen Ereignissen gebeutelt werden, dann sind auch alle anderen Lebensbereiche mit betroffen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Essen auch von seelischen Nöten berührt wird. So wie alle anderen Probleme vorübergehend oder andauernd, leicht oder sehr heftig sein können, so können auch die Essstörungen nur eine kleine Episode sein, z.B. nach einer Trennung, oder es ist oder wird ein Dauerbrenner, weil man vielleicht mit einem tieferliegenden Konflikt, der womöglich bis in die Kindheit zurück reicht, nicht fertig wird. Die Probleme können leichterer Natur sein und z.B. zu einem leichten Übergewicht führen. Aber sie können auch so schwerwiegend sein, dass sie sogar lebensbedrohliche Folgen haben, wie das bei extremen Formen der Magersucht der Fall ist. Aber auch ein schweres Übergewicht ist höchst ungesund und kann zum Herzinfarkt, Diabetes, zu Wirbelsäulenbeschwerden, frühzeitigem Verschleiß der Gelenke, zu Ängsten und Depressionen usw. führen.  

Ursachen von Essstörungen

Es gibt unendlich viele unterschiedliche Ursachen von Essstörungen, ebenso viele, wie es Probleme im Leben geben kann. Es sollte ärztlicherseits auch abgeklärt werden, ob es eine organische Ursache dafür gibt. Ist dies nicht der Fall, steht hinter einer Störung des Essverhaltens vermutlich ein ungelöstes Problem oder eine ungesunde Lebensart. Eine solche Essstörung liegt aus meiner Sicht dann vor, wenn das Essen zu anderen Zwecken als zur Erhaltung der Gesundheit eingesetzt wird, wie es von der Natur vorgesehen ist und wie es unserem Körper bekommt. Eine entsprechende Krankheitsdiagnose wird allerdings erst gestellt, wenn die Essstörung ein bestimmtes Ausmaß angenommen hat. Ich möchte hier nicht auf diese medizinische Sicht der Diagnosen eingehen, dazu finden Sie in meinem Buch "Essstörungen" ankeroder auch im Internet weitere Informationen. Stattdessen beschreibe ich einige grundlegende Mechanismen dieser Störungen, die nach meinen Beobachtungen sowohl bei leichten als auch bei schweren Essstörungen eine bedeutende Rolle spielen.

Problemessen bei Konflikten, Stress usw.

Wenn wir nicht achtsam mit unseren Gefühlen und Gedanken umgehen, geschieht es leicht, dass wir eine Enttäuschung, Ärger, Ängste oder andere unangenehme Gefühle nicht wahrnehmen und sie verdrängen. Dann können wir natürlich das Problem, das diesen Gefühlen zugrunde liegt, weder verstehen noch auflösen. Unsere ungelösten Probleme verschwinden von allein nur dann, wenn ihre Ursache in den äußeren Umständen lag und diese sich verändert haben, z.B. der Kummer nach einer Trennung des Partners hört auf, wenn ein neuer Partner da ist. Aber die meisten Probleme haben mit unserem eigenen Denken und Fühlen zu tun. Wenn wir uns damit nicht auseinandersetzen und die inneren Konflikte verdrängen, dann benötigen wir dazu eine Ablenkung von dem Konflikt und verbrauchen dafür auch viel Energie. Da bietet sich das Essen als "gutes" Fluchtmittel für das Verdrängen an. Meistens verschafft man sich gegen die negativen Gefühle ein angenehmes Gefühl im Mund und im Magen durch das Essen von Speisen, auf die man gerade Appetit hat. Auch Magersüchtige setzen ihr Essen, bzw. Nichtessen für andere Zwecke ein, nur dass sie sich dieses angenehme Gefühl durch Hungern verschaffen, für sie ist es meistens das tolle Gefühl der totalen Kontrolle über ihren Körper. Aber egal, ob man durch übermäßiges Essen, durch bulimische Essanfälle, laufendes nebenbei "Schnuckern" oder durch magersüchtiges Hungern sich vor seinen Problemen flüchtet, der Effekt ist im Kern derselbe: Man muss nicht mehr an das Unangenehme denken und fühlt erst einmal etwas Angenehmes, auch wenn es später durch sehr negative Gefühle bezahlt wird. Diese Art des Verdrängens ist auch sehr ungesund, wie jedes Verdrängen, auch wenn wir manchmal nicht anders können. Denn das Essen ist dazu da, den Körper gesund und leistungsfähig zu halten. Eine gesunde Ernährung ist eine entscheidende Grundlage für unser Wohlbefinden. Wenn wir beim Essen wirklich auf unseren Körper achten, nämlich darauf, wie das Essen schmeckt und darauf, wann das Sättigungsgefühl eintritt, dann ernähren wir uns gesund. Unser Körper ist nicht dafür eingerichtet, uns aus unseren Problemen zu erlösen. Wenn wir ihn dafür missbrauchen, wird er auf Dauer dadurch krank. Das ist der Preis, den wir für das Verdrängen von Problemen durch Essstörungen bezahlen. Außerdem genießen wir unter diesen Umständen das Essen nicht wirklich, wir schmecken es gar nicht richtig, wenn wir Essen in uns hineinstopfen, um andere Gefühle wegzudrängen. Wer wirklich eine Nahrung genießt, wird weder hastig noch zu viel essen, sondern auf seine Körpersignale achten und dadurch erfahren, was für seinen Körper und sein Wohlbefinden gut ist. Im ungesunden Essverhalten können sich viele unterschiedliche Probleme ausdrücken, z.b. auch Essen unter chronischem Zeitdruck, Mangelernährung aufgrund von Armut oder Unwissenheit. 

In der Kindheit entstandene Essprobleme

Es sind aber nicht nur Probleme unseres gegenwärtigen Lebens, die unser Essverhalten beeinträchtigen können. Häufig entstehen Essprobleme schon in der Kindheit oder in der Pubertät. Wenn die Eltern ihren Kindern vorleben, dass sie Konflikte nicht lösen, sondern durch vermehrtes Essen "erträglich" machen, kann dies dazu führen, dass die Kinder es genauso machen. Manche Eltern, vor allem Mütter überfüttern ihre Kinder, angeblich, weil sie es gut mit ihnen meinen. Tatsächlich lassen sie aber auf diese Weise nur eigene Ängste, keine gute Mutter zu sein, Gleichgültigkeit oder Unwissenheit gegenüber gesunder Ernährung an den eigenen Kindern aus. Es kann sogar vorkommen, dass sie den Frust über das eigene Übergewicht an ihrer Tochter weitergeben, in dem sie diese dick füttern. Es gibt sogar Fälle, in denen die Mutter eifersüchtig auf die jugendliche Tochter ist, dabei selbst auf die Figur achtet, aber die Tochter immer zum dickmachenden Essen verführt, um so attraktiver neben der Tochter zu wirken. Eine große Rolle spielen auch einfach die Essgewohnheiten oder die Gewöhnung an kalorienreiche Nahrung, die in einer Familie manchmal schon seit Generationen immer weitergegeben werden. Wenn Sie schon in jungen Jahren Probleme mit dem Essen hatte, sollten Sie auf jeden Fall sich einmal mit ihrer Essgeschichte auseinandersetzen. Denn wenn wir unsere tiefsitzenden Gewohnheiten und Verhaltensmuster nicht durchschauen, bleiben wir ihnen ausgeliefert.

Der Glaube an die Vererbung

Wenn man daran glaubt, dass die Vererbung schuld an einem Problem ist, hat dies bei allen psychischen Störungen, aber auch bei vielen chronischen körperlichen Beschwerden schwerwiegende Konsequenzen. Man glaubt nicht, dass man selbst etwas verändern kann und man liefert sich dadurch zwangsläufig vermeintlichen Fachleuten aus. Es ist eine sehr tiefgreifende Frage, ob man sein Leben und seine Gesundheit in die eigene Hand nehmen will und bereit ist, sich selbst zu verändern oder ob man sich von anderen abhängig macht, die behaupten, die Probleme lösen zu können. Das Versprechen, dass Pillen, Pülverchen, Spezialdiäten, Kuren usw. ihre Essprobleme lösen können, ist ein einträgliches und dauerhaftes Geschäft mit der ewigen, aber nie erfüllten Hoffnung. Natürlich haben wir Erbanlagen, die die Erfahrung von Tausenden von Generationen gesammelt haben. Aber wir sind keine Automaten, die im Steinzeitverhalten gefangen sind, sondern wir können uns an die veränderten heutigen Lebens- und Ernährungsbedingungen anpassen, vorausgesetzt, dass wir unseren Verstand dazu einsetzen und unser Problemverhalten durchschauen und ändern. Im übrigen scheinen die Essstörungen weniger ein Problem der vererbten Natur zu sein, die ein komplexes Netz geschaffen hat, um den Organismus gesund zu erhalten. Ich habe den Eindruck, dass es mehr unsere Kultur des Essens ist, die so viele Menschen krank macht.

Die Behandlung von Essstörungen

Die meisten Behandlungen von Essstörungen zielen darauf ab, die Störung "wegzumachen". Wenn man aber nicht dahinter kommt, worin die Störung besteht, wo ihre Wurzeln liegen, wie wir das gestörte Essverhalten erlernt haben, dann sind alle Änderungsversuche nur von kurzer Dauer und dann auch noch sehr anstrengend und meist sehr teuer. Die Grundlage in meiner Therapie von Essstörungen besteht darin, zuerst möglichst gut zu verstehen, was diese Störung eigentlich im Leben eines Menschen bedeutet und wie sie genau funktioniert. Dabei ist sowohl die aktuelle Lebenssituation, die Lerngeschichte und die Gewohnheiten des Essens wie auch die Mechanismen, die in unseren Erbanlagen verankert sind, zu berücksichtigen. Diejenigen, die eine gravierende Essstörung auf Dauer bewältigt haben, haben in aller Regel etwas Wichtiges erkannt und ihr Leben verändert. Es war sicherlich tiefgehender als nur ein Kampf gegen die Pfunde. Auch die Behandlung einer Essstörung sehe ich ganzheitlich, so dass ich alle Lebensbereiche einbeziehe. Das Therapieziel ist nicht ein Idealgewicht, sondern eine gesunde und genussvolle Nahrungsaufnahme, die sich am körperlichen Wohlbefinden orientiert.

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