Arbeit und psychischer Druck

Zunehmender psychischer Druck in der Arbeitswelt

Ich stelle in allen Arbeitsbereichen eine deutliche Veränderung des Arbeitsklimas in den vergangenen 10 bis 12 Jahren fest, die mich sehr beschäftigt. Der Aktienboom Ende der 90er Jahre hat anscheinend in vielen Betrieben das Gewinnstreben so dominant werden lassen, dass Menschlichkeit und Kooperation nur noch Lippenbekenntnisse sind, tatsächlich aber systematisch zugrunde gerichtet werden. In den letzten Jahren haben nach den Berichten der Krankenkassen die psychischen Störungen, die m. E. auch am Arbeitsplatz verursacht werden, drastisch zugenommen. Es ist wirtschaftlich gesehen langfristig katastrophal, dass die Bereitschaft zur Kooperation, welches die Funktionsgrundlage für jeden Betrieb und jede Verwaltung ist, zerstört wird. In vielen Betrieben und Verwaltungen setzt sich ein rücksichtsloser Egoismus von oben nach unten in einem Ausmaß durch, wie mir früher nicht berichtet wurde. Es entsteht inzwischen häufig ein Klima, in dem derjenige, der sich für seine Arbeit und seinen Betrieb engagiert, als der Dumme angesehen wird, während die "Cleveren" nur an sich denken. In den letzten Jahren sind häufiger Menschen zu mir in Therapie gekommen, weil ihr Engagement für ihre Arbeit sie krank gemacht hat. Sie wurden von Kollegen oder Vorgesetzten wegen ihrer Bemühungen um eine gute Arbeit auf unterschiedliche Weise bekämpft oder übermäßig ausgenutzt. Und eine "innere Kündigung" kann auch Menschen, die ihre Arbeit gern gemacht haben, krank machen.

Folgende Zeitungsnotiz bestätigt diese Tendenzen:

Die Karriereberaterin Madeleine Leitner hat eine weitere neue Entwicklung beobachtet: Unliebsame oder scheinbar überflüssige Mitarbeiter werden nach ihrer Einschätzung von der Unternehmensführung zum Teil gezielt gemobbt, werden dadurch dauerhaft krank und so aus dem Job getrieben. „Die Firmen zahlen nur noch für sechs Wochen die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, dann greift die Krankenkasse und später das Arbeitsamt ein - Abfindungen werden umgangen," sagt Madeleine Leitner. „Da spiegelt sich die Brutalisierung und Verrohung unserer Gesellschaft wieder", sagt die Psychotherapeutin. ...
"Dieses gezielte Mobbing gibt es bereits länger", sagt Martina Stackelbeck von der Sozialforschungsstelle Dortmund. Wie hoch der Anteil der Unternehmen ist, die durch gezieltes Schikanieren Mitarbeiter „entsorgen", sei statistisch aber nicht erfasst. In einer ersten repräsentativen Studie zum Thema Mobbing hat die Sozialforschungsstelle allerdings herausgefunden, dass in mehr als der Hälfte der Mobbing-Fälle Vorgesetzte beteiligt sind. (Ruhr-Nachrichten 8.11.2003)

Meine Erfahrungen

Das Arbeitsleben hat eine außerordentlich große Bedeutung für unsere psychische Befindlichkeit, im Positiven wie im Negativen. Meine Erfahrungen mit dem Arbeitsleben gewinne ich aus verschiedenen Blickwinkeln. Aus den Gesprächen mit den Patienten über ihre beruflichen Probleme erhalte ich ein vielfältiges und differenziertes Bild. Bei der gutachterlichen Tätigkeit in Rentenverfahren erlebe ich häufig einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen und psychischen Erkrankungen, die zur Arbeitsunfähigkeit oder gar zur Erwerbsunfähigkeit führen. Auch die ehrenamtliche Tätigkeit im Vorstand der Berufsgenossenschaft konfrontiert mich bei Entscheidungen über Präventionskonzepte und Forschungsprojekte mit den psychologischen Faktoren im Arbeitsleben. Schließlich kenne ich die abhängige Tätigkeit auch als Angestellter in einem kirchlichen Krankenhaus, in dem ich auch lange Zeit Vorsitzender der Personalvertretung war. Und als freiberuflich tätiger Psychotherapeut sind mir auch die Probleme der Selbständigkeit vertraut.

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